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Damals 04 - Einsatz1

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M/S "Freyburg", Typ XD - DDXR/Y5KR -

17.03. - 22.03.1982

Der erste Einsatz

Niedergeschrieben von Harald Mertin nach Tagebuchaufzeichnungen, damals 3. Technischer Offizier

Ende Februar 1982 endete mein Hochschulstudium an der damaligen IHS Warnemünde/Wustrow nach 4 1/2 langen Jahren des Lernens und der Quälerei durch ein Ingenieurstudium mit der Zeugnis- und Diplomübergabe. Alle meine Kommilitonen und ich, die das Studienziel Dipl.-Ing. erreicht hatten, bekamen zum 1. März 1982 einen Arbeitsvertrag bei der Deutschen Seereederei Rostock ausgehändigt. Der Einsatz war für alle ehemaligen Studenten des Matrikels im Flottenbereich Asien/Amerika vorgesehen, was nicht unbedingt allgemeine Begeisterungsstürme auslöste. In diesem Flottenbereich waren die Reisen am längsten.
An eine Auszeit oder Selbstfindungsphase wie heute unter jungen Leuten üblich, war damals gar nicht zu denken. So etwas war einfach im System nicht vorgesehen. Ich hätte dies auch nicht vorgehabt. Ich wollte nach der langen Studienzeit zur See fahren, mich beweisen und Geld verdienen.

Am 17. März 1982 bekam ich von der Einsatzplanung des FB Asien/Amerika ein Telegramm. Diese Art der Kommunikation war damals üblich. Telefone in Privathaushalten waren sehr selten. Man bat mich am nächsten Tag vormittags in der Reederei präsent zu sein. Dort informierte man mich, dass ich kurzfristig mit dem Zug nach Antwerpen fahren müsste. Auf MS "Freyburg" (Typ XD Nr. 14 von 16) wäre die Dieselfernsteuerung für die Hauptmaschine ausgefallen, so dass ein zusätzlicher 3. Ing. benötigt würde. Dieser sollte ich sein. Eine Mitarbeiterin der Reiseabteilung der DSR fuhr mit mir anschließend zur Bezirksbehörde der Volkspolizei in der Rostocker Blücherstraße. Ich musste im Eingangsbereich warten, während die Dame von der Reiseabteilung mit meinem Seefahrtsbuch in den Katakomben dieses riesigen Gebäudes verschwand. Nach geraumer Zeit erschien sie wieder. Ich war nun Inhaber eines einmaligen Ausreisevisums aus der DDR.

midi/dsrsf-d04-hm-ausreisevisum-ddr.jpgEs ging noch einmal zurück in das DSR-Dienstgebäude im Rostocker Überseehafen. Dort musste ich eine Dienstreisebelehrung über mich ergehen lassen. Auf der Fahrt nach Antwerpen war so ziemlich alles verboten, was zwischenmenschlich auf einer Reise sonst üblich ist. So war es ausdrücklich untersagt, Unterhaltungen mit Bürgern aus dem NSW (nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet) zu führen, etwa während der Bahnfahrt. Anschließend händigte man mir meinen Dienstreiseauftrag, den Bahnfahrplan und das Bahnticket für meine Reise sowie diverse andere Papiere aus.

Die Reise begann am nächsten Tag, Freitag, 19.03.1982. Gegen 9:30 Uhr bestieg ich am Rostocker Hbf den Interzonenzug nach Köln. Dieser Zug wurde meistens von frohgelaunten Senioren auf Ihrer Fahrt in die Bundesrepublik benutzt. Für den Binnenverkehr war dieser Zug bis Bad Kleinen frei gegeben. Wir verließen Bad Kleinen, und ich saß noch immer auf meinem Platz im Abteil. Nun verstummten langsam die Gespräche, und ich hörte jemanden "Stasi" flüstern. In der Vorstellungskraft dieser Leute war es unvorstellbar, dass ein so junger Bengel mit ihnen zusammen im Rentner-Express unterwegs in den Westen war.
In Herrnburg war es dann soweit. Drei Uniformierte mit Hund betraten den Zug und kontrollierten die Passagiere. Ich händigte einem der Offiziere meine Reiseunterlagen aus. Diese wurden von den anderen beiden nun akribisch untersucht. Es kam scheinbar nicht täglich vor, das junge Dienstreisende das Staatsgebiet der DDR mit dem Zug verlassen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis die Herren mir meine Reisedokumente wieder aushändigten.
In den nächsten Minuten passierte der Zug die Staatsgrenze. Nun war plötzlich auch das Geratter vorbei, verursacht durch die Schienenstöße auf DDR-Gebiet. Lübeck und Hamburg waren schnell erreicht. Am Nachmittag passierte der Zug das Ruhrgebiet. Alle 5 Minuten hielt der Zug jetzt in einer anderen Großstadt. Gegen 18 Uhr querten wir den Rhein und erreichten Köln Hbf. Hier hatte ich 45 Minuten Zeit zum Umsteigen. Ich nutzte die Zeit, um wenigstens einmal im Leben einen Blick in den imposanten Kölner Dom zu werfen, unmittelbar neben dem Bahnhof gelegen. Damals, 1982 konnte ja niemand ahnen, daß 7 Jahre später die Mauer fallen würde.

midi/dsrsf-d04-hm-einreisestempel-belgien.jpgIch bestieg nun einen Zug der Belgischen Staatsbahn in Richtung Brüssel. Kurz hinter Aachen passierte der Zug die belgische Staatsgrenze. Ein Offizier der belgischen Grenzpolizei betrat den Zug zur Passkontrolle. Als ich an der Reihe war, zuckte ich mit der Schulter und gab ihm mein Seefahrtsbuch. Einen Pass konnte ich nicht mein Eigen nennen. Der Mann war aber cool drauf, lachte nur und winkte ab. Er stempelte mein Seefahrtsbuch und schon ging es weiter. Es war schon kurios, wie primitiv die DSR Ihre Seeleute in die Welt schickte. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn zur gleichen Zeit ein belgischer Staatsbürger versucht hätte, ohne Reisepass in die DDR einzureisen.
Gegen 21 Uhr erreichte der Zug Brüssel Nord. Hier musste ich wieder umsteigen, in Richtung Antwerpen. Die Fahrt dorthin dauerte nur eine halbe Stunde. Antwerpen hat den schönsten Kopfbahnhof, den ich kenne. In der Bahnhofshalle wartete ein Taxifahrer auf mich, den unsere Agentur Sogemar B.V. für mich geordert hatte. Die Fahrt zum Schiff dauerte etwa 30 Minuten.

Angekommen führte mich der Wachoffizier sofort zum Kapitän, der schon auf mich wartete. Er sagte mir, dass der Elektriker das Problem mit der Dieselfernsteuerung lösen konnte, und dass der Chief einen zusätzlichen 3. Ingenieur an Bord für die kommende Reise nicht benötigen würde. Mit der Agentur sei bereits abgesprochen, dass ich Montag früh wieder nach Hause fahren sollte.
Am nächsten Morgen erschien ich um 8 Uhr zur Arbeitsverteilung im Maschinenkontrollraum. Der 1. Ingenieur schickte mich aber wieder in meine Kammer, weil ich ja sowieso das Schiff wieder verlassen würde und daher eine Einarbeitung nutzlos wäre. Dann eben nicht.
Die Schiffe der DSR lagen damals noch für Landgänge günstig weit hinter der Zandvliet-Schleuse, meist im Hansa-Dock in der Nähe der Hafenkneipe "Spek en Eieren" am Polderdijkweg. Es war in 45 Minuten problemlos möglich, zu Fuß die historische Altstadt von Antwerpen zu erreichen. Davon machte ich an diesem Wochenende reichlich Gebrauch. Heute liegen die großen Containerterminals weit hinter der besagten Schleuse. Landgang ist, wenn überhaupt, nur mit einem Fahrzeug möglich.
Sonntagabend brachte der Sogemar-Agent mein Bahnticket zurück nach Rostock an Bord. Das Taxi war für Montag früh 5 Uhr bestellt. Der Kapitän händigte mir meinen Dienstreiseauftrag aus und gab mir noch Post für die Reederei mit.

Die Rückreise verlief völlig unproblematisch. Am 22.03.1982 Montag abends klingelte ich an unserer Wohnungstür. Meine Frau fiel aus allen Wolken. Nächsten Tag meldete ich mich bei der Reederei zurück und übergab die mitgebrachte Dienstpost. Auftrag nach vier Tagen ohne besondere Vorkommnisse, ohne Westkontakt und ohne Fluchtversuch erfolgreich ausgeführt.

In den nächsten Jahren bin ich noch diverse Male zwischen Antwerpen und Rostock mit der Bahn unterwegs gewesen. Die Reederei versprach sich davon, den Seeleuten ein paar Tage mehr Urlaub zwischen zwei Asienreisen zukommen zu lassen. Auch hoffte man, das riesige Problem der Fluktuation der Seeleute gerade im FB Asien/Amerika in den Griff zu bekommen. Im Jahr war der Seemann 7-8 Monate im Einsatz. Es war nie klar, ob am Ende ein Ablöser für ihn in Rostock bereit stehen würde. Alle dort beschäftigten Seeleute schoben gewaltige Freizeitansprüche vor sich her. Ich habe mir diese Problematik ein paar Jahre angeschaut, dann aber 1987 völlig desillusioniert gekündigt. Ich hatte die Hoffnung aufgegeben. Meine angesparten 150 Tage Freizeit wurden mir ausbezahlt.

Harald Mertin, Rövershagen, 22.11.2020

   

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Schattenseiten

Ich hatte im Frühjahr den DSR-Report (Babbeljahn...) von Friedrich Seibicke gelesen. Darin setzt er sich kritisch und zugleich humorvoll mit seiner Fahrenszeit bei der DSR auseinander. Er hat vieles auf den Punkt gebracht, und ich habe mich darin wieder gefunden. Ich hatte daraufhin eine längere Email-Korrospondenz mit Ihm. Er hat für sein Buch sehr viel Gegenwind und Anfeindungen erhalten. Der Inhalt passte nicht in das Weltbild von Ehemaligen, die die DSR-Seefahrt als die schönste Phase Ihres Lebens vergöttern. Es gab eine Zeit, da haben die Schreiber in Gästebüchern sich gegenseitig beschimpft.

Klar, auf der einen Seite waren da die Landgänge, die uns Seeleute privilegierten, der Zusammenhalt an Bord und die Storys, die jeder von uns erlebt hat, und natürlich auch das karge Handgeld, von dem man sich den einen oder anderen Wunsch erfüllen konnte. Und der Mythos DSR erklärt sich wohl aus der Tatsache, dass zu der Zeit noch die konventionelle Schifffahrt mit all ihren Vorteilen für den Seemann existierte. Unter den heutigen Bedingungen der modernen Containerschifffahrt wäre es die Hölle.

Auf der anderen Seite hat die DSR nicht viel aufstellen können für uns Seeleute. So ist das rasante Wachstum der Flotte mit all seinen Folgen nie in den Griff bekommen worden. Alleine das Personalproblem war immens. Dazu war der ÜSH Rostock viel zu klein bei fast 200 Schiffen. Der Heimathafen war in den 80er Jahren ständig überfüllt. Die Schiffe lagen im Päckchen. So kam es öfter in der Asienfahrt vor, dass nach der NOK-Passage noch nicht klar war, ob ein Liegeplatz für uns frei war. Ich habe mehrmals erleben müssen, dass auf Reede Warnemünde der Anker geworfen wurde, nur weil ein gleichgültiger Hafendispatcher sich keinen Kopf gemacht hatte. Sofort brach an Bord die ganze Disziplin und Ordnung zusammen. Es war dem Seemann nicht zu vermitteln, warum er nach entbehrungsreichen Monaten quasi vor der Haustür am Haken lag. Zweimal habe ich es erlebt, dass sich resolute Kapitäne gegenüber dem Hafen durchgesetzt haben und eingelaufen sind. Mal lagen wir irgendwo am Dalben, mit der "Suhl" sogar mal vorübergehend im Ölhafen.

Die DSR steckte ja ständig in der Zange zwischen den Vollpfosten der Industriekreisleitung und der Stasi. Die Stasi hat von 10 Seefahrtsbewerbern 9 aussortiert, weil die Leute eine Oma oder Tante in der BRD hatten. Nachdem ich zwei Jahre als 2. Ing. gefahren war, bemühten sich mehrere Chiefs, mich als 1. Ing. bei sich fahren zu lassen. Dazu brauchte ich das Patent C6. Dieses technische, international anerkannte Dokument bescheinigt dem Inhaber Kenntnisse, genügend Fahrtzeit und Fachkompetenz. Die Industriekreisleitung der SED koppelte aber auch ein Bekenntnis zur SED an dieses Patent. Damit konnte ich nicht dienen. Ich war nicht Mitglied. Somit war meine Karierreleiter beim Rang 2. Ing. zu Ende. Im Wendejahr, in der zerfallenden DDR, bekam ich dann das C6 unaufgefordert per Post zugesandt.

Ich werde auch nie vergessen, wenn nach Einlaufen ein Anruf kam von der Kaderabteilung, Genosse Sowieso mit Seefahrtsbuch zu uns, sofort. Es drohte Berufsverbot! Wenn man Glück hatte, sah man den Kollegen später als Hafenspringer. Die Behandlung der Seeleute durch den Zoll bei Ein-und Ausklarierung war einfach verachtend. Ich sehe noch die feixenden Gesichter der unteren Chargen (Filzstifte), wenn sie dem Seemann eine Schallplatte oder ein paar leere Musikcassetten abnehmen konnten.

Vergessen werde ich auch nicht, dass ein Seemann keine Lust mehr hatte zu arbeiten, ein Jahr auf Parteischule ging und danach als "Pope" zurückkam. Er saß dann neben dem Alten bei allen Ein- und Ausklarierungen, obwohl er kein Wort englisch sprach. Dafür war er trinkfest und arbeitsscheu, aber der Kirche treu.

Nach der Verteidigung des Dipl.-Ing. im Februar 1982 ging es die folgende Zeit Schlag auf Schlag. Ich war die kommenden 5 Jahre nie Weihnachten zu Hause, obwohl kleine Jungs auf mich warteten. Die meisten Reisen dauerten in der Golf/Indienfahrt so ca. 130 Tage. Als ich mal nach einer solchen Reise in der Einsatzplanung vorstellig wurde wegen Problemen zu Hause, war die Dame ganz entrüstet. Aber Genosse Mertin, Sie haben doch erst eine Reise gemacht. Da gibt es keinen Urlaub. Das trieb mich wahrhaftig bis zur Kündigung. So ging es bei Asien/Amerika vielen Seeleuten.

2001 habe ich dann wieder angefangen, bis 2018 der Eigner der Reederei, eine bekannte Industriellenfamilie, die gesamte Seefahrtssparte verkauft hat. Ich habe diesen Schritt, wieder zur See zu fahren, nie bereut. Der Einsatz dauerte 4 Monate, dann wurde abgelöst und zwar weltweit. Das hat immer geklappt. Arbeitsverteilung morgens war wohltuend. Die Philipinos hörten sich an, was ich zu sagen hatte, und rannten dann los, ohne zu diskutieren. Bei der DSR kamen die Lords morgens mit dickem Kopf in die Maschine, nachdem sie sich abends eine Flasche Blauen Würger reingedreht hatten. Es wurde lamentiert, und vor 8:30 Uhr hatte niemand den MKR zur Arbeit verlassen.

Das sind alles Wahrheiten zur DSR-Seefahrt, die knallharte Illustrierten-Leser aber nicht hören wollen.

Harald Mertin

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M/S NEUBRANDENBURG (Typ XD)
Typ XD-Grafik nach einem DSR-Schiffstypenkatalog aus ABa's Sammlung, hier mit Bugwulst (Symbolgrafik)
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Unsere DSR-Seefahrt - Damals 04 - Einsatz1: 22.04.2022

   

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